Kontakt

 Impressum

flagge_vereinigte_arabische_emirate_004
Paraplegie

Verehrte Leserin, verehrter Leser,

dieser Ratgeber erreicht Sie, wenn Ihr Leben eine entscheidende Wendung genommen hat. Ihre körperliche Unversehrtheit besteht nicht mehr. Abhängig von der Art und dem Grad des eingetretenen Schadens ist es zu Einschränkungen oder Verlust von Fähigkeiten gekommen. Fähigkeiten sind z. B. das Gehen, das Überwinden einer Treppe, aber auch das Benutzen eines Bades oder der Küche. Diese Einschränkungen Ihres Leistungsvermögens werden als Fähigkeitsstörungen bezeichnet. Es kann sein, daß der Eintritt dieser Fähigkeitsstörungen erst wenige Wochen zurückliegt, dann haben Sie Fragen zu nahezu allen Sachverhalten. Diejenigen unter Ihnen, deren Fähigkeitsstörungen schon mehrere Monate oder Jahre bestehen, wissen, daß es Hilfsmittel gibt, die Ihnen das Leben erleichtern.

Es ist das Ziel dieses Ratgebers, Sie mit den Hilfsmitteln in den verschiedenen Lebenslagen bekannt zu machen. Mit diesem Ratgeber wollen wir Ihre Fragen beantworten oder Sie anregen, Fragen zu stellen – an Ihr Behandlerteam, Ihren Hausarzt, Ihr Sanitätshaus, an Ihre Versicherung. Eine Hilfe zur Beantwortung von Fragen kann auch das im Anhang des Ratgebers enthaltene Sachwörterverzeichnis sein. Leider kann nicht auf alle individuellen Besonderheiten in körperlicher, seelischer und sozialer Hinsicht eingegangen werden. Eine vollständige Darstellung aller individuellen Aspekte der Unfall-  oder Erkrankungsfolgen ist nicht möglich. Es ist jedoch bekannt, daß alle Fähigkeitsstörungen eine Dynamik aufweisen, welche zu neuerlichen Hilfsmittelversorgungen führen kann. Jede Fähigkeitsstörung erfordert eine lebenslange Nachsorge durch Hausärzte, Spezialeinrichtungen oder ambulant tätige Spezialteams. Deshalb sind die Aspekte mit lebenslanger Bedeutung besonders gekennzeichnet.

Erst nach dem Lesen dieses Ratgebers werden Sie abschätzen können, ab die Hilfsmittelversorgung in Ihrem Falle optimal war oder ist. Deshalb wurde die Form einer gedanklichen Bestandsaufnahme während der stationären Erstbehandlung gewählt. Sollten Sie, von diesem Ratgeber angeregt, weitere Fragen haben, empfehlen wir Ihnen, Fachbücher zu lesen (siehe Literaturhinweis) oder Kontakt zu den Selbsthilfegruppen Ihrer Region (siehe Adressen) aufzunehmen.

Verzweifeln Sie nicht an der Flut von Informationen! Sie können jederzeit den Ratgeber zur Hand nehmen, um nachzulesen, was wir empfehlen, welche Alternativen bestehen, welche Ergänzungen wir mitteilen, woran Sie und die Sie Behandelnden lebenslang denken sollten und wo Sie Hilfe erhalten.

Nach §10 Sozialgesetzbuch I hat jede/r, die/der von Behinderung bedroht oder betroffen ist, ein soziales Recht auf die notwendige Hilfe. Anträge (formlos) muß jeder Rehabilitationsträger entgegennehmen. Bei unklarer Zuständigkeit müssen vorläufige Leistungen erbracht werden.
 
 

Querschnittlähmung im Brustmark – Paraplegie -

Einführend möchten wir auf Ihre Fähigkeitsstörung und die Folgen für ihre Lebensgestaltung eingehen. Nicht alles wird auf Sie zutreffen, aber wahrscheinlich befinden Sie sich in einer ähnlichen Situation und vieles gilt auch für Sie:
Sie sind querschnittgelähmt (komplette Lähmung im Brustmark) mit in der Regel spastischer Lähmung der Beine, in mittlerem Lebensalter, vor Lähmungseintritt durchschnittlich trainiert gewesen, durch Vorerkrankung/Leiden nicht wesentlich in der Spezialbehandlung eingeschränkt und ohne Begleitverletzungen geblieben (oder diese haben schon längere Zeit die Spezialbehandlung nicht wesentlich einschränkt). Sie möchten Ihre bisherige Lebensgestaltung – soweit dies als Querschnittgelähmter möglich ist – fortsetzten. Sie versuchen, die Querschnittlähmungsfolgen zu überschauen und Sie sind für Änderungen Ihrer Lebensgestaltung offen.
 
 

Wir haben als Voraussetzung angenommen, dass Sie grundsätzlich über die Folgen der Querschnittlähmung aufgeklärt sind. Wir fassen die unmittelbaren Konsequenzen für Ihr weiteres Leben zusammen:

* abhängig von der Lähmungshöhe ist Ihre Körpermuskulatur ausgefallen, d. h. Ihre Brustmuskulatur, die Bauchmuskulatur und die Muskulatur des Rückens ist entweder teilweise oder ganz funktionsunfähig

* Ihre Beine sind vollständig gelähmt, in der Regel spastisch
 

* in dem gelähmten Bereich ist kein Gefühl vorhanden: dies betrifft das Berührungs-, Schmerz-, und Temperatur- sowie Ihr Lageempfinden

* Sie können Ihre Blase und Ihren Mastdarm nicht mehr so entleeren, wie vor Eintritt der Querschnittlähmung

* Ihre Sexualität ist verändert

Welche weiteren Folgen resultieren aus der Lähmung des Körpers und der Beine ? Am bedrängendsten ist das Unvermögen zu gehen oder zu stehen. Ihnen wird zwischenzeitlich auch bewußt geworden sein, daß Sie – abhängig von der Lähmungshöhe – Schwierigkeiten haben beim Sitzen, auch beim Aufrichten aus dem Liegen. Der Grund hierfür liegt in der Lähmung der Bauchmuskulatur und der Muskulatur des Rückens. Setzt die Lähmung sehr weit kopfwärts ein, ist sogar das Atmen erschwert, so daß Sie stets das Gefühl haben, als ab sich ein Reifen um die Brust gelegt hätte. Nach Eintritt der Querschnittlähmung konnten Sie sich vielleicht keine Vorstellung machen, wie Sie jemals das Bett verlassen könnten. Durch die Spezialbehandlung wissen sie inzwischen, daß es doch möglich ist.

Kaum minder bedrängend ist der Gefühlsverlust in einem wesentlichen Anteil des Körpers und der Beine. Er ist Ihnen bald bewußt geworden und konnte leider durch die Spezialbehandlung nicht beeinflußt werden.

Ein wesentlicher Aspekt ärztlichen Handelns nach Eintritt einer Querschnittlähmung ist die Aufrechterhaltung der Ausscheidungen des Menschen. In der Regel wird dem Querschnittgelähmten nicht sofort bewußt, daß die Entleerung von Blase und Mastdarm auch eine wesentliche Veränderung erfahren hat. Hier ist wiederum durch die Spezialbehandlung Ihr „Problembewußtsein" hergestellt worden. Einerseits betreffen die Erklärungen die Intimsphäre, andererseits sind die Zusammenhänge kompliziert, so daß es schwierig ist, aufzuklären ohne verletzend zu wirken.

Erfahrungsgemäß hoffen alle Menschen nach einer Querschnittlähmung, daß sich die Lähmungserscheinungen zurückbilden. Wenn Sie Ihre Situation überprüfen, stellen Sie fest, daß dies nicht der Fall ist. Dies ist eine Tatsache. An dieser Stelle möchte unsere Hilfestellung einsetzen. Ihre Spezialbehandlung hat an der Lähmung keine grundsätzliche Veränderung bewirken können. Die Behandlung konnte jedoch einige Lähmungsfolgen – zumindest in ihrer Auswirkung auf Ihr Leben – begrenzen, andere allerdings nicht beeinflussen. Unsere Hilfestellung bezieht sich im speziellen auf die Begrenzung der Lähmungsfolgen. Sie wird ermöglicht durch die Anwendung von Hilfsmitteln. Wir möchten Ihnen aufzeigen, welche technischen Hilfen Sie im weiteren unterstützen können. Dabei möchten wir Ihnen helfen, gezielte Fragen an Ihren Arzt oder andere, die Ihnen nützen können, zu stellen: Was ist das überhaupt? Könnte ich das gebrauchen? Warum geht das bei mir doch nicht?

Hinweis:

Wir haben für Sie alle in Frage kommenden technischen Hilfen vereinfacht als Hilfsmittel bezeichnet. Deshalb sollten Sie wissen, daß Hilfsmittel im Sinne der Krankenkasse konkret benannte Gegenstände darstellen, die dazu dienen, Defizite gegenüber Gesunden auszugleichen, und bei deren Verordnung ökonomische Gesichtspunkte berücksichtigt werden müssen.
 
 

Mobilität

Es ist schon eine Weile her, daß Vorbereitungen getroffen wurden, um Sie zu mobilisieren, d. h., daß Sie das Bett verlassen können. Sie erinnern sich an Ihre Bedenken, wie das denn bewerkstelligt werden könnte und waren dann doch überrascht, daß es weitgehend ohne Komplikationen möglich wurde. Inzwischen beherrschen Sie den Transfer, entweder mit oder ohne Rutschbrett. Wie weiter? Handelt es sich darum, das Zimmer, die Station zu verlassen, ja das Querschnittgelähmtenzentrum im Ganzen kennenzulernen, so ist ein mechanischer Rollstuhl geeignet, dies zu ermöglichen. Ein mechanischer Rollstuhl ist ein sehr individuelles Hilfsmittel. Er sollte fachkundig unter den zahlreichen Rollstuhltypen so ausgewählt werden, daß er für Sie geeignet ist und auch Ihre Zustimmung findet. Bestimmt haben Sie verschiedene Rollstühle ausprobiert und festgestellt, ein Rollstuhl ist nicht wie der andere. Nachdem Sie sich für einen bestimmten Rollstuhl entschieden haben, erfolgt ein spezielles Rollstuhltraining. Sie lernen Bordsteinkanten zu überwinden, auf engstem Raum sicher zu manövrieren und haben dann genügend Kraft und Ausdauer, längere Strecken zu bewältigen. Was aber, wenn Sie das große Einrichtungshaus im Nachbarort besuchen möchten. Mit dem mechanischen Rollstuhl wird es wohl zu weit sein. Früher, d.h. vor Eintritt der Querschnittlähmung, benutzten Sie Ihr Auto. Und Jetzt? Es ist nach wie vor möglich, einen Pkw selbst zu fahren. Voraussetzungen hierfür sind ein entsprechend Ihrer Lähmungssituation gestaltetes Fahrzeug, das Beherrschen des Transfers und die Auflagenerteilung im Führerschein. Ihre Ergotherapeutin, Ihr Arzt und die Behindertenfahrschule können Ihnen bei der Verwirklichung helfen.
 



Individuell angepasster Aktivrollstuhl
mit entsprechender Sitzflächengestaltung
einschließlich Antidekubitussitzkissen,
angepaßtem Rückenteil, Arm- und Beinstützen

Zusatzelektroantrieb zum mechanischen Rollstuhl

Rutschbrett

Handybike

Treppenüberwindungshilfen:
elektrische Steighilfen, mobil oder fixiert

Kfz mit Zusatzausrüstung


Langfristige Bedeutung

Der individuell angepaßte Aktivrollstuhl ist mit der Dauer der Fähigkeitsstörung erst recht unverzichtbar. Bei jeder Neuverordnung ist eine Probezeit (einige Tage unter verschiedenen Situationen) angebracht. Der Zusatzelektroantrieb kann mit zunehmendem Alter Ihren Aktionsradius aufrechterhalten. Lassen Sie sich bei der Kfz-Neuversorgung über neue Entwicklungen beraten.
 

Haushalt

Sie bewegen sich mit dem Rollstuhl innerhalb der Wohnung, können diese per Aufzug oder mobiler Treppenüberwindungshilfe erreichen und verlassen. Sie kommen mit dem mechanischen Rollstuhl zum Supermarkt, mit dem Auto in die Nachbarstadt. Wie sieht es mit der Haushaltsführung und Selbstversorgung aus? Sie wollen für Ihr leibliches Wohl sorgen, Essen und Trinken, Ihren Haushalt führen. Sie wollen arbeiten, Ihre Freizeit gestalten, Freunde besuchen, Hobbys pflegen und und und. Essen und Trinken – nichts einfacher als das, Ihre Arme und Hände sind gesund. Da hat sich ja nichts geändert. Leider ist das Essen und Trinken nur die Hälfte des Vergnügens, die Zubereitung die andere. Wie soll das gehen? Sie kommen mit dem Rollstuhl in die Küche. Alles vorhanden, Herd, Arbeitsplatte, Wandschränke, Tisch, Geschirrspülmaschine. Sie können nach wie vor den Herd einschalten, doch die Fußrasten verhindern, daß Sie irgendeinen Topf auf die Kochplatte stellen, erst recht, wenn er gefüllt ist. Es gilt umzudenken und vielleicht in Ihrem Haushalt etwas zu ändern. Das Sie behandelnde Team kennt die Tücken des Alltags in Ihrer häuslichen Umgebung. Gemeinsam, d.h. Sie, die Ergo-therapeutin und gelegentlich der Arzt Ihres Behandlerteams beraten, unter welchen Bedingungen, d.h. baulichen Veränderungen und/oder mit welchen Hilfsmitteln, Ihre bisherige Wohnung auch zukünftig von Ihnen benutzt werden kann. Vielleicht haben Sie in der Übungswohnung eines Rehazentrums ausprobiert, welche Hilfsmittel für Sie günstig sind. Notwendig kann z. B. der Einsatz von höhenverstellbaren Wandschränken, unterfahrbaren Küchenmöbeln (Bügelbrett, Kochfeld, Spüle usw.) werden oder die Anschaffung bisher noch nicht benutzter Haushaltsgeräte (Wäschetrockner).



Wohnungsanpassung
barrierefreier Zugang zur Wohnung Treppenüberwindungshilfen

unterfahrbare Einrichtungsgegenstände:
Bügelbrett, Spülbecken

bewegliche Haushaftsgegenstände:
höhenverstellbare Wandschränke, Rollenschränke

Hauhaltsgeräteaustausch:
Wäschetrockner statt Wäscheleine

Greifradiuserweiterung: Greifzange


Langfristige Bedeutung

Konnten Sie früher durch ausgesprochene körperliche Leistungsfähigkeit auf barrierefreie Zurüstung Ihrer Wohnung teilweise verzichten, sind Sie mit nachlassenden Kräften und körperlichen Veränderungen (z.B. Gelenkveränderungen) darauf unverzichtbar angewiesen. Dies trifft auch dann zu, wenn Ihr Partner selbst körperliche Einschränkungen erfahren hat oder Sie allein leben.
 
 

Persönliche Hygiene

Wie sieht es im Badezimmer aus? Bisher haben Sie vielleicht stets eine Dusche benutzt. Ist dies auch mit einem mechanischen Rollstuhl immer noch möglich? Ist die Dusche umbaufähig, d. h. ist eine Bodenentwässerung zu installieren? Ist die Benutzung eines Duschrollstuhls die optimale Lösung? Wenn dies nicht möglich ist, muß die Badewanne weiterhin benutzt werden. Abhängig von Ihrer Lähmungshöhe kann dabei die Installierung eines Badewannenlifts und/oder eines Lifters (mobil oder feststehend) notwendig werden. Noch während des Zeitraums der Erstbehandlung erprobten Sie, welche Hilfsmittel geeignet sind, die Benutzung Ihres Bades unter häuslichen Verhältnissen sicherzustellen. Lassen Sie sich beraten!



Dusche/Bad.
Bodenentwässerung
Duschrollstuhl
Badewannenlifter
mobiler oder feststehender Lifter


Langfristige Bedeutung

Hier trifft im wesentlichen gleiches zu, wie unter Haushalt aufgeführt. Bedenken Sie bei der Neuverordnung von Hilfsmitteln, welche von Ihrem Partner bedient werden, ob Ihr Partner hierzu körperlich in der Lage ist und sich zur Hilfe bereit findet.
 
 

Blasen- und Mastdarmentleerung

Eine lebenswichtige Voraussetzung ist die Funktion der Körperausscheidungen. Der Arzt, eventuell der Spezialist, hat Sie über das Unvermögen, die Blase und den Mastdarm wie früher entleeren zu können, aufgeklärt und Sie haben Ihre eigenen Erfahrungen gemacht. Es ist klar, daß mit der sicheren Entleerung von Blase und Mastdarm die entscheidende Voraussetzung für das weitere Leben geschaffen werden muß. Ein bedrängendes Problem für viele. Vor nicht einmal 50 Jahren betrug die Überlebenszeit eines Querschnittgelähmten mit Ihrer Lähmungshöhe weniger als 5 Jahre, und zwar aufgrund der unsicheren Entleerung von Blase und Mastdarm. Heute gibt es jedoch durch die Selbstkatheterisierung und die Entleerung des Mastdarms eine sichere Lösung. In ganz speziellen Fällen sind komplizierte Möglichkeiten der Blasenentleerung gegeben. Die sind stets mit operativen Eingriffen und der Anwendung von Apparaten verbunden. Wesentlich einfachere Vorrichtungen stellen Hilfsmittel dar, welche die Benutzung der Toilette ermöglichen. Es kann z. B. notwendig sein, die Höhe der Toilette Ihren Gegebenheiten anzupassen und eine gepolsterte Toilettenbrille zu benutzen, Haltegriffe oder Bügel (evtl. abschwenkbar) anzubringen oder sogar eine Strickleiter zu installieren. Wir haben als Regelannahme das Selbstkatheterisieren vorausgesetzt und dabei offengelassen, ab Sie es im Bett, im Rollstuhl oder auf der Toilette durchführen. Im ersteren Falle ist die Benutzung einer speziellen Rückenstütze (Verstellbarkeit mindestens 80 Grad) unumgänglich. Es kann sich um ein Rückenteil mit mechanischer oder elektrischer Verstellbarkeit handeln. Sprechen Sie mit Menschen, denen Sie vertrauen auch über diesen allzu menschlichen Problemkreis. Der Austausch mit anderen, die gleiche Erfahrungen machen, ist hilfreich.



Kathetersets
Toilettensitzerhöhung
Haltebügel, Strickleiter

gepolsterte Toilettenbrille

Betteinlegerahmen mit mechanischer oder elektrischer Rücken-und Fußtellverstellung

Blasenöffnungs-/verschlusshilfe:
z. B. Scott-Sphinkter, Brindley-Stimulator


Langfristige Bedeutung

Das Entleerungsvermögen von Blase und Mastdarm kann sich im Verlaufe des Lebens ändern. Eine neue Entleerungsart muß ärztlicherseits gefunden werden. Diese Behandlung sollte durch Spezialisten in entsprechenden Einrichtungen stationär vorgenommen werden. Lassen Sie sich ausreichend über Vor- und Nachteile der veränderten Entleerungsart aufklären. Üben Sie neue Entleerungsarten ohne Zeitdruck ein. Bedenken Sie, daß Ihr persönliches Wohlbefinden und Ihr gesellschaftliches Eingebundensein wesentlich von einer optimalen Entleerung von Harnblase und Mastdarm abhängen.
 
 

Körperhaltungsunterstützung

Es gibt weitere Situationen, die Sie vielleicht noch nicht oder kaum bedacht haben, z. B. längeres Sitzen im mechanischem Rollstuhl. Es ist möglich, daß sich noch während Ihrer Spezialbehandlung herausstellt, daß Sie nicht in der Lage sind, längere Zeit in einem Rollstuhl zu verbringen, da Ihre Wirbelsäule der Belastung nicht gewachsen ist. Es gibt spezielle Anpassungen der Rückenlehne, die vorgefertigt vorhanden sind oder individuell entsprechend Ihren Bedürfnissen angefertigt werden müssen. Auch das Liegen kann spezielle Hilfsmittel erfordern (z. B. Lagerungskissen). In besonderen Fällen ist die Anwendung von Elektrostimulationsgeräten (FES) notwendig, um Sie in den Stand zu setzen, Ihre Körperhaltung zeitlich länger aufrecht erhalten zu können.



Sitzen:
Spezialvorrichtungen der Rollstuhlrückenlehne wie Pelotten,
Keile aber auch vorgefertigte und individuell angepaßte
Spezialrückenlehnen

Liegen
Lagerungskissen, Nachtlagerungsschalen

Elektrostimulationsgeräte (FES)


Langfristige Bedeutung

Lassen Sie fachärztlich überprüfen, ob z. B. die Rückenlehne des Aktivrollstuhls aufgrund Ihrer Wirbelsäulenform noch geeignet ist.
 
 

Spasmus/Mißempfindungen

Da Sie unseren Ratgeber aufmerksam gelesen haben und wissen, daß uns die sachgerechte Versorgung mit Hilfsmitteln am Herzen liegt, fragen Sie sich sicherlich, gibt es Hilfsmittel, welche Ihnen auch bei diesen beiden mittelbaren Querschnittlähmungsfolgen helfen. Es soll an dieser Stelle angemerkt werden, daß Spasmen und Mißempfindungen nicht jeden Quer-schnittgelähmten heimsuchen. Als solches empfinden Sie diese, so daß Sie schon mehr als einmal dachten, mit dem „Nicht-mehr-gehen-Können" kann ich mich ja noch abfinden, wenn nicht der Spasmus und die Mißempfindungen wären. Zu Ihrem täglichen Behandlungsprogramm gehört die Physiotherapie, die einen wesentlichen Zeitanteil darauf verwendet, die Spastik zu senken, abhängig davon, wie heftig die Spastik Ihr Wohlbefinden, ja Ihre Sicherheit beeinträchtigt. Es gibt darüber hinaus Dehnungstechniken (z. B. Lagerungs/Schlingentisch), zu denen letztlich auch das passive Stehen (Steh-geräte) gehört. In ganz besonderen Fällen ist die Anwendung von Elektrostimulationsgeräten (FES) möglich, um die Spastik zu senken. Aber auch die Ausnützung von Wärme (Sauna und Schwimmen) oder die passive Bewegung durch elektrische Trainingsgeräte werden angewandt. Eine spezielle Form des passiven Bewegens ist das Reiten (Hippotherapie). Eine nicht physikalisch wirksame Spastiksenkung wird durch Medikamente oder durch psychotherapeutische Behandlungsmethoden, in Ausnahmefällen auch durch medizinische Außenseitermethoden (Akupunktur) erreicht. Leider sind keine Hilfsmittel zur Verringerung der Mißempfindungen vorhanden, wenn davon abgesehen wird, daß die elektrischen Stimulationsgeräte, diese beeinflussen oder über den Umweg der Spastiksenkung die Intensität der Mißempfindungen vermindert wird



Dehungs-/Lagerungsmaterialen z. B. Rolle

Passives Stehen:
mechanische Stehvorrichtung mit elektrischer oder
mechanischer Aufrichtung

Elektrostimulationsgeräte (FES)

Hilfsmittelunabhängige Therapieformen:
Sauna, Schwimmen, Hippotherapie, Medikamente
Psychotherapeutische Behandlung

Nicht schulmedizinische Behandlungsmethoden:
Akupunktur, Canabis-Therapie, Botulinum-A-Therapie


Langfristige Bedeutung

Im Verlaufe des Lebens kann es zu Verstärkung oder Verminderung der Spasmen kommen. Stellen Sie sich bei Ihrem Arzt vor, um die Ursache für die Verstärkung der Spasmen abklären zu lassen. Es könnte sich auch um eine Ihnen nicht bewußte knöcherne Verletzung oder eine Erkrankung handeln, z. B. Pilz in den Zehenzwischenräumen, „eingewachsenen" Zehennagel oder einen Blaseninfekt
 
 

Sexualität

Ein wesentlicher Aspekt unseres Lebens ist die Fortpflanzung und die Sexualität. Die Funktion Ihrer Geschlechtsorgane, gleichgültig, ob Sie eine Frau oder ein Mann sind, weist aufgrund der Lähmung Veränderungen auf. Diese Veränderungen betreffen zunächst die körperliche Funktion, häufig aber auch die seelische Dimension. Ein seelischer Aspekt der Sexualität ist die Befriedigungs- (Orgasmus-)fähigkeit. Sie ist durch Hilfsmittel nicht zu beeinflussen. Anders die körperliche Komponente. So ist die Steifheit des männlichen Gliedes beeinträchtigt. Sie wird sowohl durch die anatomische Intaktheit des Gliedes als auch des Rückenmarkes ermöglicht. Letzteres ist beim querschnittgelähmten Mann nicht mehr der Fall. Also ist die Steifigkeit entweder unvollständig oder nur während eines sehr begrenzten Zeitraumes vorhanden. Zu einem versierten Behandlerteam gehört ein Neuro-Urologe (Facharzt). Er ist der Fachmann, der die Aufklärung über die Ursache des Steifigkeitsdefizits des Gliedes vorgenommen haben sollte. Er kann Ihnen raten, welche Möglichkeiten vorhanden sind, dies zu vermindern. Grundsätzlich kommt bei bestimmten Formen einer unvollständigen Gliedsteife (gefühlsmäßig erzeugt) eine Medikamentanwendung in Frage (Viagra), bei anderen besteht die Medikamentanwendung in Form einer Injektion in einen bestimmten Teil des Gliedes. Alternativen sind Gliedprothesen oder komplizierte operative Eingriffe am Rückenmark.

Der hilfsmittelunterstützte Teil des Sexualaktes bietet leider weder für den Eintritt des Orgasmus noch für eine gewünschte Schwangerschaft eine sichere Gewähr. Prinzipiell ist bei querschnittgelähmten Frauen eine Schwangerschaft möglich. Solche Schwangerschaften sind ohne besondere Komplikationshäufigkeiten, und die Geburt verläuft wie bei ungelähmten Entbindenden, allerdings mit der Besonderheit, daß die Wehen zwar schmerzhaft sind, jedoch das Passieren des Geburtskanals schmerzfrei ist. Die Pflege des Kindes (Wickeln, Baden, Nahrungszubereitung) ist an besondere Vorrichtungen gebunden, d. h. die Einrichtungsgegenstände müssen aus Sicherheitsgründen für Rollstuhlfahrer benutzbar sein. Leider ist das Schieben des Kinderwagens für Rollstuhlfahrer nicht möglich.

Vertrauen und Verständnis in der Partnerschaft und der Wunsch gemeinsam eine Lösung zu finden, sind die Grundvoraussetzung gerade im Bereich der Sexualität. Viele leiden unter der vorherrschenden Sprachlosigkeit in diesem Bereich. Überwinden Sie dies und gehen Sie gemeinsam mit ihrem Partner zur Beratung.



Erektionshilfen (medikamentös, mechanisch, neuro-physiologisch)


Langfristige Bedeutung

Unzweifelbar unterliegt die Sexualität alterstypischen Veränderungen. Nach fachärztlichem Ausschluß einer nicht alterstypischen Ursache für die Veränderung der Sexualität ist das partnerbezogene Gespräch mit dem Facharzt zu suchen. Fügen Sie sich nicht in scheinbar Unvermeidliches, verschaffen Sie sich Gewißheit.
 
 

Sachwörterverzeichnis

* Aktivrollstuhl
Greifreifenrollstuhl, dessen Arm- und Beinstützen, Rücken- und Sitzteil sowie Antriebs- und Lenkräder individuell den Bedürfnissen des Benutzers angepasst werden können

* Antidekubituskissen
Sitzkissen zur Vermeidung von Druckgeschwüren

* Badewannenlifter
Gerät, womit der Patient auf den Badenwannenboden abgesenkt und wieder emporgehoben werden kann. Die Bedienung ist ohne Hilfsperson möglich

* Barrierefreiheit
Baulicher Zustand von Wohnungen und öffentlichen Einrichtungen, die von Ihnen ohne Erschwernis benutzt werden können

* Botulinum-A - Therapie
Von einem Bakterium gebildeter Stoff, welcher zur langfristigen Verhinderung von Spastik einzelnen Muskelgruppen injiziert wird. Wiederholung ist möglich und notwendig

* Brindley-Stimulator
Durch elektrische Stimulation wird die Blase zur Entleerung geöffnet. Auch zur Mastdarmentleerung 

* Canabis-Therapie
Neue Therapieform, die noch nicht allgemein anerkannt ist

* Elektrostimulation (FES)
Mit einem Cerät werden Muskelzellen durch sehr geringe Stromstärken aktiviert und führen durch eine Kontraktionsbewegung zu einem sichtbaren Bewegungsausschlag

* Handybike
Handkurbelantrieb mit dem ein Rollstuhl zu einem Dreirad wird

* Hippotherapie
Therapeutisches Reiten

* Inkontinenz
Unwillkürliche Harn- und Stuhlabgänge

* Katheter
Stumpf endender Kunststoffschlauch mit seitlicher Öffnung, der durch die Harnröhre in die Blase eingeführt wird

* Lifter
Hebehilfe (fest installiert oder mobil) zur Ausführung des Transfers. Wird durch eine Hilfsperson bedient

* Mechanischer Rollstuhl
Alle Rollstühle, welche nicht mit einem Elektromotor angetrieben wer-
den.
Sonderform: siehe Aktivrollstuhl

* Paraplegiologe
Arzt für Querschnittlähmung

Adressen

Fördergemeinschaft der Querschnittgelähmten in
Deutschland e.V. – FGQ
Silcherstr. 15
67591 Mölsheim
Telefon und Fax 0 62 43 / 52 54
Internet:http://members.aol.com/behinderte.de
 

Weitere Adressen von örtlichen Selbsthilfegruppen und Ansprechpartnern finden Sie bei

NAKOS Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur
Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen
Albrecht-Achilles-Str. 65
10709 Berlin
Telefon 0 30/8 914019
Fax 030/8934014
E-mail: NAKOS@gmx.de
Internet:http://www.nakos.de

REHADAT Informationssystem zur beruflichen Rehabilitation
Institut der deutschen Wirtschaft
Postfach 51 06 69
50942 Köln
Telefon 0221/3765513
Fax 02 21/3 76 55 55
Internet:http://www.rehadat.de

Ratgeber Technische Hilfen für Menschen mit Behinderungen
* Heft 1 Periphere schlaffe Querschnittlähmung – Konus-Kauda-Syndrom

Weitere Hefte in Vorbereitung
Ratgeber Technische Hilfen für Menschen mit Behinderungen
* einseitige Oberschenkelamputation
* beidseitige Oberschenkelamputation
* Querschnittlähmung im Halsmark - Tetraplegie

An Ihren Verbesserungsvorschlägen sind wir sehr interessiert. Nehmen Sie mit uns Kontakt auf! Lassen Sie es uns wissen, wenn Sie gerne bei bestimmten Themen mitarbeiten möchten
 

Deutsche Vereinigung für die Rehabilitation Behinderter e. V
(DvfR)
Arbeitsausschuß Hilfen für das tägliche Leben
Leitung: Dr. med. Hubert Hoser, Hamburg
Friedrich-Ebert-Anlage 9
69117 Heidelberg
Telefon: 0 62 21/2 54 85
Fax: 0 62 21/16 60 09
E-mail: info@dvfr.de
Internet:http://www.dvfr.de

Stand April 2000
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

[Home] [Allgemeine Informationen] [Mitarbeiter] [Kinderorthopädie] [Wirbelsäule] [Kreuzschmerzen] [Skoliose] [Racz-Kathetertechnik] [Konus-Kauda-Syndrom] [Paraplegie] [Gelenkchirurgie] [Fußchirurgie] [Osteologie] [Studenten] [Häufig gestellte Fragen] [Veranstaltungsarchiv] [Impressum] [orthoMIT] [Uniklinikum Aachen] [Ehemalige]